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Der Himmel – unser Ziel

Erneuerung von innen nach aussen, Einheit 26 (Schluss)


Bibeltexte: Jesaja 35,1-10; Offenbarung 21,1-4
Predigttext: Römer 8,15-25

I

Der Himmel – unser Ziel! Nur 37% der Europäer glauben, dass es den Himmel gibt. Viele tun sich schwer mit dem Gedanken, dass unser Lebensziel darin besteht, einmal in den Himmel zu kommen. Kein Wunder, dass der Himmel bei den Entscheidungen im Alltag kaum eine Rolle spielt.

Das war nicht immer so. Früher haben sich die Menschen noch auf den Himmel gefreut. Besonders wer hier unten arm dran war: es kommt ein Leben, in dem es mir einmal gut geht. Das war eine unglaublich starke Ermutigung. Man lebte auf ein Ziel hin. Man verstand das Leben wie eine Wanderung zum grossen Ziel, dem Himmel: ‚Wir gehen auf etwas zu, das alles, was wir jetzt erleben, in den Schatten stellt.’ So lebte man nicht einfach drauf los. Schon auf der Erde versuchte man, sein Herz an den Himmel zu gewöhnen. Z. B. Matthias Claudius. In seinem Lied „Der Mond ist aufgegangen“ hat er die Ausrichtung des Lebens auf den Himmel besungen. Hören wir einmal hinein in diese alte Sprache, die uns fremd geworden ist (GB 635,5.6):

Gott, lass uns dein Heil schauen, / auf nichts Vergänglichs trauen, / nicht Eitelkeit uns freun; / lass uns einfältig werden / und vor dir hier auf Erden / wie Kinder fromm und fröhlich sein.

Wollst endlich sonder/ohne Grämen / aus dieser Welt uns nehmen / durch einen sanften Tod; / und, wenn du uns genommen, / lass uns in'n Himmel kommen, / du unser Herr und unser Gott.

Wie gesagt, für viele heute gibt es den Himmel nicht. Ein Grund ist, dass man der Kirche lange Zeit vorgeworfen hat, sie vertröste die Menschen aufs Jenseits, um ihnen das Leben hier und jetzt mit seinen Nöten und ungestillten Sehnsüchten zu erleichtern. Das sei so, wie wenn man einem Schwerkranken Schmerzmittel gebe, damit es nicht so weh tut. Karl Marx hat die Religion einmal „Opium für das Volk“ genannt. Wer vom Himmel spricht, weckt bei vielen den Verdacht, billig vertrösten zu wollen. Und Vertröstung auf den Himmel mache nur faul gegenüber dem, was hier auf Erden zu tun sei. Sie lenke ab von dem, was uns Tag für Tag an Herausforderungen vor die Füsse gelegt sei. Wer ständig nur nach oben gucke, wie „Hans-guck-in-die-Luft“ übersehe die Fallen, die am Boden liegen. Diese Kritik – z.T. sicher auch berechtigt – hat offenbar gewirkt. Man hat sich definitiv auf der Erde eingerichtet. Der Himmel ist kaum mehr ein Thema. Man braucht ihn nicht. Er ist weit weg gerückt – für viele Menschen.

Ich habe bisher absichtlich von ‚man’ und in der dritte Person gesprochen. So denken die anderen. Aber wie denken eigentlich wir? Was für eine Rolle spielt der Himmel für uns? Ich meine, für unser Leben, für unser Alltag? Hat er einen Einfluss darauf, wie wir heute leben? Wie geht es dir damit?…

II

Habt ihr im Zoo auch schon einmal die Löwen in ihrem Käfig beobachtet? Die Könige der Wüste, diese stolzen, grossen Tiere. Sie brauchen Weite, um leben zu können. Die paar Quadratmeter Käfig sind einfach zu klein für sie. So trotten sie auf und ab, auf und ab, und wenn sie rennen, rennen sie höchstens gegen die Wand. Ihr Lebenshunger bräuchte entschieden mehr Auslauf. Aber sie werden die grosse, weite Wüste nie sehen.

Gleicht das Leben von Menschen, die keinen Himmel kennen, nicht irgendwie dem der Löwen im Käfig? Sie sind eingesperrt auf dieser vergänglichen Erde, und es gibt keinen Ausgang. Mit ihrem Hunger nach Glück und ihrer Sehnsucht nach Leben rennen sie immer wieder gegen die Wand. Wir wollen mehr, als der Käfig hergibt. Wir wollen leben, wir brauchen Weite, wir brauchen einen Ausgang.

Weil man aber ohne Himmel nicht rauskommt, heisst die Devise: möglichst das Beste, das Maximum herausholen aus dieser Situation! Möglichst viel Glück bei minimalem Leid – solange noch Zeit dafür ist. Und da diese begrenzt ist, der Tod näher rückt, muss alles schnell gehen: schnell arbeiten, schnell wieder Ferien machen, schnell geniessen, schnell dies und schnell das. Nur ja nichts verpassen! Wenn es schon keinen Himmel gibt, dann wollen wir ihn wenigstens hier auf der Erde haben, solange und so gut es geht. Wer auf die Ewigkeit verzichtet, muss das Letzte aus seiner Zeit herauspressen.

Noch einmal die Frage: Welche Rolle spielt der Himmel in deinem Leben? Vielleicht geht es dir jetzt ja grad so: Du entdeckst solche Symptome auch bei dir. Und du merkst: Ich lebe ja auch oft, wie wenn es keinen Himmel gäbe. Und dir ist klar: Das ist nicht gut; ich brauche den Himmel doch!

III

Das ist die gute Nachricht heute morgen: Es gibt den Himmel! Wir sind nicht wie in einem Käfig gefangen, es gibt einen Ausgang! Paulus ist tief überzeugt davon. Wie sonst könnte er schreiben: „Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll“ (V.18). Paulus denkt vom Himmel her, und er ahnt etwas davon, was ihn dort erwartet. Darum kann er so reden. Für den, der nur von der Erde in ihrer Vergänglichkeit und mit ihrem Leiden her denkt und nicht vom Himmel weiss, muss das wie ein Schlag ins Gesicht sein. Eben, billige Vertröstung. Paulus denkt anders. Er denkt vom Himmel her.

Ich schlage vor: Hören wir Paulus doch ein wenig zu und versuchen wir zu verstehen, was er meint. Ohne guten Grund schreibt der so einen steilen Satz bestimmt nicht. Nicht Paulus! „Wir seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne und Töchter offenbar werden“, schreibt er. Mehrfach schreibt er in diesem Abschnitt vom Seufzen und sehnsüchtigen Warten. Und nicht nur vom Menschen, sondern von der ganzen Schöpfung. Alle Geschöpfe leiden. Sie leiden unter der Vergänglichkeit, sie leiden unter Unterdrückung. Sie leiden unter der Verlorenheit und der Sünde. Kurz, die Menschen und die ganze Schöpfung leiden am irdischen Leben und sehnen sich darum nach dem Himmel.

IV

Paulus kennt den Hunger nach Glück und die Sehnsucht nach Leben, nach gelingendem, erfülltem Leben. Die Sehnsucht nach Heilwerden und Heilsein an Leib, Seele und Geist. Sie gehört zu den Geschöpfen.

Während fast zwei Jahren haben wir uns in Hauskreisen und Gottesdiensten mit dem Kurs „Erneuerung von innen nach aussen“ beschäftigt. V.a. im zweiten Teil ging es darum, einzelne Lebensbereiche etwas genauer anzuschauen, um darin von Gott erneuert zu werden. Ich bin mir sicher, viele von uns, die dies gewagt haben, sind dabei irgendwann den eigenen Abgründen begegnet, den dunklen Seiten in sich. Da bist du deiner Verlorenheit und Sünde – von „Habsucht“ haben wir gesprochen – begegnet. Da bist du mit deiner Schwachheit und Vergänglichkeit konfrontiert worden.

Das eigene Unvermögen zu erkennen, tut weh. Dabei möchtest du doch leben. Du möchtest erfüllt leben, und darum heil werden. Aber dieser Prozess geht so langsam und ist mit so viel Bedrängendem verbunden. Wir verstehen Paulus, wenn er schreibt: „Ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib erretten?“ (Römer 7,24)

Diese Sehnsucht wird aber auch durch körperliche Leiden, Krankheiten, durch den Tod lieber Menschen genährt. Und weiter durch Ungerechtigkeiten oder Konflikte, in die wir involviert sind, oder durch die vielen schlimmen Nachrichten aus aller Welt, die uns tagtäglich durch die Medien erreichen. Nochmals, wir verstehen Paulus, wenn er schreibt: „Ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib erretten?“

V

Wieder diese Sehnsucht! Ja, wonach sehnen wir uns denn eigentlich? Wonach sehnen wir uns, wenn wir ‚Himmel’ sagen? In seinem Abschnitt braucht Paulus das Wort ‚Himmel’ nicht. Aber er umschreibt ihn mehrmals. Er redet von „der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll“, vom „Offenbarwerden der Söhne (und Töchter) Gottes“, von der „Erlösung unseres Leibes“, von Befreiung von Sklaverei und Verlorenheit. Im 2. Brief an die Korinther redet er von der ewigen Wohnung im Himmel, vom himmlischen Haus in das wir einziehen dürfen, während wir jetzt noch im irdischen Zelt leben.

Bilder und Umschreibungen des Himmels. Steckt nicht hinter all diesen Bildern und Umschreibungen, und auch hinter all den vielen, die wir sonst noch kennen aus der Bibel, schlicht und einfach die Sehnsucht nach dem guten Ausgang unseres Lebens, nach dem guten Ausgang allen Lebens? Es ist ja schon ein Unterschied, ob ein Leben nur zu Ende geht, oder ob es gut ausgeht, ob es irgendwann abbricht oder ob es sein Ziel erreicht. Einen guten Ausgang, das erhoffen wir uns doch. Also gerade nicht für immer gefangen im Käfig dieser Erde. Nein, ein offenes Tor hinaus, ein offenes Tor zum Himmel. Sagen wir es grad ganz deutlich: ein offenes Tor zum Himmel in die offenen Arme des himmlischen Vaters. Denn bei ihm wird klar und für alle Geschöpfe sichtbar, was wir sind: seine Kinder.

Nur Gott kann uns den guten Ausgang unseres Lebens bescheinigen. Denn unser Leben haben wir ja von ihm. Bei ihm finden wir also, was wir suchen.

VI

Allerdings, wir brauchen nicht in der Luft zu hängen, bis zu diesem Moment, bis wir wissen, woran wir sind. Paulus weiss: „Wir sind gerettet“. Zwar auf Hoffnung, d. h. wir erfahren unsere Rettung jetzt noch nicht eins zu eins. Genau danach sehnen wir uns ja noch. Trotzdem können wir wissen, dass wir gerettet sind. Warum? Weil wir eine Art Mitgliedschaftsbestätigung erhalten haben, eine Voraus-Bestätigung, dass für uns im Himmel ein Platz reserviert ist. Das ist zwar keine Karte, wie z. B. die von der REGA. Nein, aber es ist der lebendige Geist Gottes, den wir haben. Ihn haben wir als Erstlingsgabe oder als erster Anteil (2. Kor 5,5), sagt Paulus.

Und was tut er? Er erinnert uns immer wieder an das, was Gott für uns getan hat, nämlich mit dem Menschen Jesus. Jesus ist gestorben und von Gott auferweckt worden. Zum ersten Mal hat eine Anzahl Männer und Frauen erfahren und mit eigenen Augen gesehen, dass mit dem Tod nicht alles aus ist. Dass mit dem Tod das Leben nicht einfach zu Ende ist, sondern dass es gut ausgeht, dass es sein Ziel – die offenen Arme des Vaters – erreicht. Jetzt wurde offensichtlich: es ist möglich.

In dieser Erfahrung ist die Hoffnung gegründet, dass auch unser Leben an sein Ziel kommt. Das flüstert uns Gottes Geist immer wieder ein, wenn wir es vergessen sollten.

VII

Der Himmel – unser Ziel! Wir haben uns an Dinge erinnert, an denen wir Leiden. Wir haben unsere eigene Sehnsucht und die aller Geschöpfe wahrgenommen, die Sehnsucht danach, dass das Leben gut ausgeht und es zum Ziel kommt. Und dann haben wir gesehen: Der Himmel erwartet uns. Gottes Geist ist unser Eintrittsbillet; für uns ist ein Platz reserviert. Der gute Ausgang ist uns schon zugesagt. Wie gut! Damit ist uns die Sorge um unseren Platz im Himmel genommen. Ich brauche keine Angst mehr zu haben, etwas zu verpassen oder zu kurz zu kommen. Unser Herz ist frei zur Für-Sorge für die Erde, frei zur Solidarität mit denen, die immer den Kürzeren ziehen. Wenn Gott seine Ewigkeit mit uns teilt, dann teile ich meine Zeit mit denen, die es nötig haben.

Amen.

Stefan Zürcher, Pfr. - 2. Februar 2008