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Leben im Glauben

Erneuerung von innen nach aussen, Einheit 24


Bibeltexte: Lukas 2,25-38

Hinführung (Bildmeditation)

Simeon & Hanna – zwei alte Menschen. Tief im Glauben an Gott verwurzelt! Erfüllt von Gottes Geist. Im Herz die Verheissung Gottes, dass sie den Heiland, den Erlöser Israels und der Welt noch sehen werden. Jetzt hat ihr Warten ein Ende: Jesus ist da und durch ihn das Heil. Advent. Gott hat sein Versprechen eingelöst. Die beiden sind überglücklich. Sie loben Gott. Und sie segnen Maria, Josef und das Kind. Jetzt haben sie alles, was das Leben wert-voll macht. Mehr brauchen sie nicht. Es fehlt ihnen nichts mehr. Was im Leben wirklich nötig ist, das hat es gegeben und jetzt ist genug. Dankbar und vielleicht etwas zittrig sagt der greise Simeon:

„Nun lässt du deinen Diener gehen, Herr, in Frieden, wie du gesagt hast, denn meine Augen haben das Heil gesehen.“ (Lukas 2,29.30)

Diese beiden alten Menschen haben gelebt. Genug gelebt. Es hält sie nichts mehr auf der Erde zurück. Sie haben losgelassen. Sie sind frei zu gehen, zu sterben.

Mich beeindrucken diese beiden wunderbaren Altersgestalten: der greise Simeon & die alte Hanna. Ein tiefer, reifer Glaube kommt mir da entgegen: Simeon – ein Glaubensvater, Hanna – eine Glaubensmutter. Diese Gelassenheit und Weisheit. Das möchte ich auch einmal so sagen können: Ich habe gelebt! Ich habe genug gelebt. Ich habe alles gehabt, was im Leben nötig ist. Ich brauche nichts mehr. Ich bin bereit zu gehen. Ich möchte auch fähig werden, das wirklich Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Aber es ist ein langer, oft schöner, manchmal auch steiniger Weg bis dorthin, ein lebenslanger Weg. Ja, wie kommen wir, du und ich, dort hin? Wie reift unser Glaube? Allgemeiner: Was heisst eigentlich „Leben im Glauben“? Wie lebt es sich im Glauben?

 

Leben im Glauben – ein Weg

Martin Luther hat das Christsein, also das Leben im Glauben einmal so beschrieben: „Dies Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden, überhaupt nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind's noch nicht, wir werden's aber. Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg".

Christ-Sein ist also Unterwegs-Sein. Schon in der Apg hat Lukas die Christen als „Menschen auf dem Weg“ (Apg 9,2 und weitere) bezeichnet. Auch Jesus war auf dem Weg: „Der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann“ (Lk 9,58). Und einmal sagte er von sich: „Ich bin der Weg“ (Joh 14,6).

Christen sind Pilger, sind unterwegs. Glauben heisst also nicht, einen bestimmten Standort oder einen Standpunkt einnehmen und dort stehen bleiben. Glauben heisst, sich aufmachen und auf dem Weg sein. Niemand ist schon am Ziel, aber unterwegs zum Ziel. Und auf diesem Weg wird er/sie, wenn es gut geht, reifen – im Leben und im Glauben.


Das folgende Märchen erzählt uns auf seine Art, wie es uns auf diesem Weg geht:

„Es war einmal ein Wunderbub, der als Kind schon die ganze Welt verstand. Er wußte über alles Bescheid, und die Leute kamen von weither, um ihm zuzuhören und um ihn um Rat zu fragen. Er konnte zum Glück auch unglaublich gut reden und wusste zu den schwierigsten Fragen gescheite Worte zu sagen. Das hat sich überall herumgesprochen, und bald wollte man an allen Orten der Welt von seinem Wissen profitieren ...

Dann aber machte es sich auf die Wanderschaft und nahm sich vor, die Welt nun auch aus eigener Erfahrung kennenzulernen. Doch kaum eine Stunde von zu Hause weg kam er an einen Kreuzung, die ihn zwang, zwischen drei Möglichkeiten zu wählen… Er ging geradeaus weiter und mußte dabei links ein Tal und rechts ein Tal liegen lassen, ohne es sehen zu können. Schon war seine Welt zusammengeschrumpft. Auch bei der nächsten Gabelung büßte er Möglichkeiten ein, und bei der dritten, und bei der vierten. Jeder Weg, den er einschlug, jede Wahl, die er traf, trieben ihn in eine engere Spur. Und wenn er auf den Dorfplätzen sprach, wurden die Sätze immer kürzer. Das Reden ging ihm nicht mehr so ‚ring’ von der Zunge wie früher. Unsicherheit über das Land, das es nicht gesehen hatte und nie mehr sehen würde, machte ihn zurückhaltend.

So wanderte er weiter und wurde älter dabei. Er war schon längst kein Wunderkind mehr, hatte tausend Wege verpaßt und Möglichkeiten auslassen müssen. Er machte immer weniger Worte, und kaum jemand kam noch, um ihm zuzuhören. Er setzte sich auf einen Stein und sprach nur noch zu sich selbst: Ich habe immer nur verloren: an Boden, an Wissen, an Träumen. Ich bin mein Leben lang kleiner geworden. Jeder Schritt hat mich von etwas weggeführt. Ich wäre besser zu Hause geblieben, wo ich noch alles wußte und hatte, dann hätte ich nie entscheiden müssen und alle Möglichkeiten wären noch da.

Müde, wie er war, ging er trotzdem den Weg, den er einmal begonnen hatte, zu Ende. Es blieb ja nur noch ein kurzes Stück. Abzweigungen gab es jetzt keine mehr, nur eine Richtung war noch möglich, und von allem Wissen und Reden nur ein einziges letztes Wort, für das der Atem noch reichte. Er sagte das Wort, das niemand hörte, und schaute sich um und merkte erstaunt, daß er auf einem Gipfel stand. Der Boden, den er verloren hatte, lag in Terrassen unter ihm. Er überblickte die ganze Welt, auch die verpaßten Täler, und es zeigte sich, daß er im Kleinerwerden ein Leben lang aufwärts gegangen war." (Ruhbach, G.: Geistlich leben, 29f.) (Hans Künzler)


Kleinerwerden – das umschreibt schön, was reifen heisst: lernen, bescheidener von sich denken, gelassener werden im Blick auf sich selbst und die Welt und auch barmherziger. Das erinnert uns an Johannes, den Täufer, der einmal sagte: „Jener muss grösser werden, ich aber geringer“ (Joh 3,30). Geringer werden auf dem Weg des Glaubens, und Jesus Christus grösser! – Simeon & Hanna und das Kind, das Heil für die Welt…

Leben im Glauben – die Aufgabe

Glauben ist ein Weg, haben wir gesagt. Aber natürlich ist jeder von uns an einem anderen Ort unterwegs auf diesem Weg. Und entsprechend verschieden sind die Herausforderungen und Aufgaben, die an uns gestellt sind. Abgesehen von allen individuellen Unterschieden gibt es in der Glaubensentwicklung Phasen wie im übrigen Leben auch: grob gesagt Kindheit, Jugendzeit, das mittlere Alter und das Alter. Diese Phase wirken sich auch im Glauben aus. Dazu will ich jetzt noch etwas sagen. Dabei ist klar, jede Phase ist wichtig. Keine kann ausgelassen werden. Doch in einer stehen zu bleiben, verhindert die Reifung genauso. Jede Phase hat viel Gutes, aber das Gute kann zu einem Hindernis für die Reifung werden, wenn man dabei stehen bleibt und alles festhalten möchte.


Der Kinderglauben

Jesus sieht im Kinderglauben etwas Vorbildliches, etwas Urbildliches, weil in einem gewissen Sinn vorhanden ist, was im Lauf der Jahre verloren geht und wieder mühsam wachsen muss. Ein Kind ist schon klein – wir Erwachsenen müssen es zuerst wieder werden. Und ein Kind ist absolut hilfsbedürftig. Aber gross ist jedes Kind im Empfangen. Und genau davon spricht ja Jesus: „Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind…“ Die Empfänglichkeit, die Bereitschaft, sich einfach beschenken zu lassen, das zeichnet sie aus – und das fällt uns Erwachsenen oft ganz schwer.


Der jugendliche Glaube

Für die meisten Kinder, die in einem gläubigen Elternhaus aufwachsen, ist der Glaube eine fraglose Selbstverständlichkeit. Z. B. beten Kinder ganz selbstverständlich. Doch in der Jugendzeit ändert sich das. Die eigene Familie mit ihren Gewohnheiten und Normen ist nicht mehr Massstab aller Dinge. Einfach deswegen glauben, weil Vater und Mutter glauben, ist zu wenig. Junge Menschen müssen sich kritisch damit auseinandersetzen und ihre eigenen Entscheidungen treffen. Kritische Fragen müssen Raum haben. Nur so können sie die Wahrheit, das, was sie wirklich hält, den echten Glauben suchen und finden. Das ist ein schmerzhafter Prozess für alle, besonders aber für die Jugendlichen selber. Die alten Schuhe sind zu klein und die neuen stehen noch nicht bereit. So wandelt sich der Glaube unter Schmerzen und durch Phasen einer tiefen Unsicherheit hindurch zu neuer Gestalt.

Das Herrliche am jugendlichen Glauben aber ist seine Kompromisslosigkeit. Er ist noch nicht an unsere angeblichen Realitäten angepasster Glaube. Er ist frei, ungebunden, radikal, manchmal provozierend, ganz hingegeben. Und das ist gut so! Wir Älteren brauchen euch junge Menschen. Lebt euren Glauben, natürlich in Liebe.

In ihrer Bereitschaft, alles zu geben, warten junge Menschen nur darauf, dass jemand kommt und sie in Anspruch nimmt. Wenn jemand sie überzeugt, machen sie die verrücktesten Dinge mit. So ging es wohl dem jungen Petrus: tagaus tagein hinausfahren, die Netze auswerfen, die Netze einziehen, an Land den Fang sichten, die Netze flicken, und dann wieder hinausfahren… – das kann doch nicht alles sein?! Und dann kam da einer, der den jungen Petrus in einem Augenblick überzeugte: Jesus. Sein Ruf war der Funke, der seine Bereitschaft, alles zu geben, zum Lodern brachte: ‚Folge mir nach! Von nun an sollst du Menschen fischen!’ Und Petrus ging sofort mit.

Die Schattenseite? Jugendlicher Glaube ist kräftig und mutig, aber nicht reif. Das Leben des Petrus zeigt es: Dem Druck rund um Karfreitag hielt sein Glaube nicht stand, obwohl er mit grossen Worten das Gegenteil behauptete. Er verriet Jesus. Jugendlicher Glaube überschätzt sich gerne. Er ist noch nicht bewährter Glaube, bewährt in den Stürmen des Lebens und bewährt im Gewöhnlichen des Lebens, im alltäglichen Einerlei, wo es gilt auszuhalten und über lange Zeit – Jahre, Jahrzehnte – dranzubleiben, auch wenn so gar nichts Aufregendes geschieht. Doch dass jugendlicher Glaube noch nicht gereifter Glaube ist, darf man niemandem vorwerfen. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Auch in Sachen Glaube nicht. Reifen braucht Zeit. Das geht gar nicht anders.


Der Glaube des mittleren Alters

Aber es geht ja weiter, und auch der Glaube wird erwachsen. Die Sturm- und Drangzeit geht vorbei. Man hat sich in seinem Lebenshaus eingerichtet: in Beruf, Familie, Freundeskreis, … Man stellt seinen Mann / seine Frau. Der Glaube gewinnt an Festigkeit und Tragkraft.

Aber auch diese Phase hat ihre Schatten. Man hat sich eingerichtet, mit der Realität abgefunden und dabei manche seiner früheren Ideale aufgegeben. Das Leben und eben auch der Glaube sind so gewöhnlich, manchmal vielleicht sogar langweilig. Da ist mein Leben, wie es ist, und das Leben, wie es eigentlich sein könnte (zumindest in meinen Träumen), und dazwischen ist ein breiter Graben. Frustrierend.

Jetzt gilt es zu lernen, dass mein Leben nicht immer glänzen muss. Es muss nicht alles gelingen. Schuldigwerden und Versagen gehören dazu. Auch Durststrecken. Und es gilt zu entdecken: Gerade solche meint Jesus, wenn er die Mühseligen und Beladenen zu sich ruft. Ein solches Wort erlöst uns von der Traurigkeit, die dem verlorenen Enthusiasmus der früheren Jahre nachtrauert. Es befähigt uns für eine der schwierigsten Aufgaben, die das Leben fast jedem Menschen stellt: dass einer sich mit seiner Durchschnittlichkeit versöhnt. Die Vorstellung, wir müssten etwas Überragendes leisten, darf, ja muss sterben. Denn dies interessiert Gott ja gar nicht. Es geht ja nicht um das Guiness-Buch der Rekorde, sondern um das Buch des Lebens, und da stehst du mit all deiner Durchschnittlichkeit drin. Was willst du mehr? Gott liebt das Gewöhnliche. Auch das hat Petrus erlebt, als Jesus ihn nach der Verleugnung von Neuem in seinen Dienst genommen hat. Gott liebt das Gewöhnliche!


Gereifter Glaube

Wenn es uns gelingt, diese Aufgabe des mittleren Alters zu meistern, dann stehen die Chancen gut, auch die letzte Stufe zu nehmen und zu ‚Simeons’ und ‚Hannas’ zu werden: gereifte, weise Christen. Dann steht nur noch die letzte grosse Aufgabe bevor: das Überschreiten der Ziellinie, das Sterben. Sicher keine einfache Sache. Nicht umsonst bittet Simeon: Herr, lass mich in Frieden gehen. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass ein Mensch in Friede gehen kann. Auch dabei sind wir wie schon vorher ganz auf Gottes Gnade angewiesen.

Schluss

Im Glauben leben ist ein Weg. An einigen wenigen Stationen haben wir halt gemacht und die Aussicht genossen, aber auch festgestellt, was es zu tun gibt. Glauben heisst unterwegs sein, dran bleiben, aktiv sein.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere ist die: Glaube, das Unterwegssein im Glauben ist Geschenk. Dass wir auf diesem Weg sind, ist nicht unser Verdienst, und dass wir auf diesem Weg Schritte machen und reifen auch nicht. Oder kannst du sagen: Mein Glaube ist gewachsen, weil ich das und das so und so gemacht habe? Ist es letztlich nicht einfach geschehen, dass dein Glaube gewachsen ist, vielfach unbemerkt sogar und erst im Nachhinein feststellbar?

Darum bitten wir: um das Geschenk des Glaubens, um das Geschenk reifenden Glaubens, um Advent. Amen.

Stefan Zürcher, Pfr. - 30. November 2007