Vertrauen statt Habsucht
Erneuerung von innen nach aussen, Einheit 19
Bibeltexte: 1. Könige 17,7-16; Philipper 4,10-13.19-20
Predigttext: Matthäus 6,25-34
Hinführung
Ich habe einen Spiegel mitgebracht. Ich benutze den Spiegel vor allem beim Rasieren. Aber wir wollen nicht vom Rasieren reden heute Morgen. Ich habe den Spiegel mitgebracht, weil man darin sich selbst sieht und oft nur sich selbst. Der Spiegel weist uns auf eine Gefahr hin: auf die Gefahr, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen.
Mir kommen dazu Personen aus der Bibel in den Sinn, z.B. Kain. Kain und sein Bruder Abel brachten Gott eines Tages ein Opfer dar. Aber bei Kain klappte es irgendwie nicht so richtig. Sein Opfer gefiel Gott – aus welchen Gründen auch immer – nicht, lesen wir. Da „stüpfte“ Kain „das Tüüfeli“ und er wurde auf Abel eifersüchtig und zornig. ‚Dem gelang, was mir nicht gelang.’ Er fühlte sich übergangen, zurückversetzt, „bschisse“. Und so musste Abel verschwinden. Wir kennen den Ausgang der Geschichte…
Mir kommen noch andere Personen in den Sinn. Johannes und Jakobus aus dem Neuen Testament z.B. Eines Tages gingen sie zu Jesus und sagten zu ihm: Jesus, wir wollen, dass du unseren Wunsch erfüllst, nämlich dass wir beide im Himmel links und rechts von dir sitzen können. Reserviere uns die Ehrenplätze! Jesus hat sie dann schnell heruntergeholt und ihnen gesagt, wo ihr Platz ist. ‚Der Grösste ist der, der dient.’
Oder da sind die Israeliten in der Wüste. Gott gibt ihnen Manna zu essen. Jeden Morgen können sie Frisches sammeln. Darum sollten sie es nicht für den andern Tag aufbewahren. Aber sie trauten dieser Sache nicht und behielten davon doch zurück, nach dem Motto: Es wird einem doch nichts geschenkt auf dieser Welt! Du muss dir schon selbst schauen, wenn du nicht zweiten machen willst.
Warum erzähle ich das? Weil es in den letzten beiden Einheiten unseres Kursmaterials und auch in der heutigen um das Thema Habsucht und ihre Folgen geht.
Wir erinnern uns: Habsucht ist eine Umschreibung der Ursünde, die in jedem Menschen steckt, Habsucht meint: Süchtig getrieben, will der Mensch alles haben, was ihm (der Spiegel lässt grüssen) Ansehen (Kain, Jakobus und Johannes), Sicherheit (Israeliten), Befriedigung oder Erleichterung gibt. Er erwartet es nicht etwa von Gott, sondern setzt alles daran, selber zu nehmen und auf seine Weise zu bekommen, was er will.
Alle Beispiele von vorhin haben ihre Ursache genau darin, nämlich in der Sucht, mehr haben zu wollen und sich das auch gerade noch selber zu nehmen – aus Angst, zu kurz zu kommen, aus Sorge, zweiter zu machen, aus Sorge, am Ende mit leeren Händen da zu stehen.
V.a. aber erzähle ich das alles, weil wir heute sehen, dass die Angst, zu kurz zu kommen, für alle, die Jesus nachfolgen, unbegründet ist, dass die Sorge, am Ende mit leeren Händen dazustehen, vergeblich ist. Und damit verliert die Habsucht ihren Halt, ihre Grundlage.
Darum, liebe Gemeinde, setzen wir dieser Angst, der Sorge, der Habsucht heute Morgen Gottes frohe Botschaft entgegen und rufen mit Jesus: „Sorget nicht um euer Leben!“ Sorgt euch nicht! Mt 6,25-34
Für uns ist ja gesorgt!
Ist das nicht eine gewaltige Zusage Jesu: Sorgt euch nicht! Wenn es euch zuerst um Gottes Reich und seine Gerechtigkeit geht, ist für euch gesorgt, weil der himmlische Vater für euch sorgt.
Machen wir uns zuerst klar, wie wir dies hören und verstehen dürfen. Das ‚Sorgt nicht’ ist kein neue Last, sondern eine Entlastung, weil es heisst: Ihr braucht euch nicht zu sorgen! Es ist gar nicht nötig. Warum?, fragt ihr. Weil ihr doch Mitglieder von Gottes Hausgemeinschaft seid, weil ihr doch Gottes Kinder seid, weil ihr in seinem Haus lebt, weil ihr dazugehört, drin seid, und weil Gott euch wie Vater und Mutter versorgt, weil da alles vorhanden ist, weil der Tisch gedeckt ist mit allem, was ihr zum Leben braucht. Alles ist da, für euch da. Nichts fehlt. Mit wunderbaren Bildern aus der Schöpfung illustriert Jesus dies: V. 26.28-30. Oder denken wir an Elia (1. Könige 17). Alles ist da. Darum brauchen wir uns nicht um unser Leben zu sorgen.
Es ist ja nicht so, dass wir alle diese Herrlichkeiten nur von aussen sehen und uns den Zutritt erst noch verdienen müssten, indem wir unsere Sorgen überwinden. Stell dir vor, wie das wäre: alles in Reichweite. Und immer wenn du es schaffst, dich nicht zu sorgen, kommst du deinem Ziel wieder einen Schritt näher. Aber schon im nächsten Moment kommt sie wieder, die Sorge, und schon heisst es: zurück auf Feld 1. Es wäre ein hoffnungsloses Unterfangen.
Aber so ist es nicht. Du bist ja schon drin. Alles ist da. Du hast, was du nötig hast. Darum brauchst du dich nicht zu sorgen, und in dieser sorgenfreien Atmosphäre kannst du die Habsucht mehr und mehr ablegen.
Liebe Gemeinde, das ist mir ganz wichtig, dass wir dies immer besser verstehen und uns immer wieder bewusst machen, wo wir als Nachfolger Jesu eigentlich stehen: schon drin, da wo der Tisch gedeckt ist, da wo nichts fehlt, von dem, was wir wirklich zum Leben brauchen, da wo für uns gesorgt ist, drin!
Sorgen ist nicht das Gleiche wie Vorsorgen
„Sorget nicht“ , sagt Jesus. Einem grossen Missverständnis will ich an dieser Stelle vorbeugen. Es gibt einen Unterschied zwischen ‚Sich-Sorgen’ und ‚Vorsorgen’. ‚Sich-Sorgen’ ist schlecht. ‚Vorsorgen’ ist gut. Wesley hat im einen Fall von der ‚Sorge des Herzens’ und im anderen von der ‚Sorge des Kopfes’ gesprochen. – Ich finde dies eine ganz hilfreiche Beschreibung.
Damit meinte er: Sich nicht sorgen, heisst nicht, gedankenlos in den Tag hinein leben, leichtfertig und nachlässig das, was uns anvertraut ist, aufs Spiel setzen. Unseren Beruf z.B. sollen wir ernst nehmen und unsere Arbeit so gut wie irgendmöglich tun. Den Menschen, die uns z.B. in unserer Familie anvertraut sind, sollen wir gut schauen und uns und unsere Kinder für die Zukunft so gut wie möglich vorbereiten. Mit unserem Besitz sollen wir verantwortungsvoll und klug umgehen, so dass er uns und der Welt zum Besten, d.h. dem Bau des Reiches Gottes dient.
Dass auf dieser Welt nicht alle das Lebensnotwendige haben, dass auf dieser Welt Menschen Hunger leiden, dass Menschen unverschuldet in Armut leben und sterben, dass es also einen Widerspruch gibt zwischen dem, was Jesus zugesagt hat, und der Realität, hat damit zu tun, dass eben längst nicht alle ihre Verantwortung wahrnehmen und ihre Möglichkeiten einsetzen, um für sich und die ihnen Anvertrauten zu sorgen.
Also, wir sollen planen und vorsorgen, wir sollen sorgfältig überlegen, wie wir mit unseren Ressourcen wirkungsvoll Gutes tun können. Es ist sogar unsere Pflicht.
Das Sorgen des Kopfes ist gut, ja es ist befreiend. Wenn ich eine schwierige Aufgabe zu erledigen habe, ist es unglaublich befreiend und eine grosse Erleichterung, wenn ich so gut wie möglich plane, wenn ich weiss, wie ich es anpacken will und dann Schritt für Schritt vorgehe. Die Sorge des Kopfes ist wichtig und gut.
Schlecht ist dagegen die ‚Sorge des Herzens’, und davor will uns Jesus bewahren. Es ist diese Art von Sorge, die uns eben nicht befreit, sondern gefangennimmt, die uns erdrücken will. Da wird es einem eng ums Herz. Wenn mir ein Problem im Herzen Sorgen macht, kann ich gar nicht mehr richtig denken und planen. Ich drehe mich im Kreis, werde unruhig, aggressiv. Und es kommt nichts Schlaues heraus.
Diese Art Sorge meint Jesus, die Sorge des Herzens, die Angst ums Leben, die uns in habsüchtiges Verhalten treibt. Diese Art Sorge, in der ich den Spiegel vor mich hinhalte und nur noch mich sehe. Meine Mitmenschen nicht mehr und den himmlischen Vater nicht mehr. Aber Jesus lädt ein: ‚Sorgt euch nicht um euch. Der himmlische Vater weiss doch, was ihr nötig habt!’