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Ein Gott der leisen Töne



Bibeltexte: Psalm 69,1-5.14-19; Matthäus 11,25-30; Predigttext 1. Könige 19,1-13a.15-17

Kennt ihr sie auch, die Zeiten, in denen nichts mehr geht?
Die Kinder im anstrengensten Alter, ganz klein, oder auch schon grösser, was wieder auf andere Weise anspruchsvoll ist. Der Mann gefordert im Beruf, darum hängt zumindest während der Woche der grösste Teil der Arbeit und der Verantwortung in Haushalt und Familie an der Mutter. Die Wäsche, die sich schon seit Wochen auftürmt. Der Garten, der dringend gemacht werden sollte. Eine schwierige Situation mit der Lehrerin eines der Kinder. Mitarbeit in der Gemeinde. Freundschaften, die gepflegt werden wollen. Ein Konflikt mit der Nachbarin…

Man strampelt sich ab, man kämpft. Und irgendwann ist der Energietank leer. Man ist am Ende seiner Kräfte. Nichts geht mehr.

Oder ich denke an uns Männer: Man ist nicht mehr 30 und die Spannkraft lässt nach. Die beruflichen Anforderungen werden aber trotzdem nicht kleiner, im Gegenteil. Vielleicht kommt noch Ungewissheit im Blick auf die berufliche Zukunft dazu. Andererseits möchte man mehr Zeit für die Familie haben, aber da sind auch noch die Kollegen vom Sportverein. Spannungen in der Ehe. Erste gesundheitliche Schwierigkeiten. Die Frage taucht auf, ob das alles war, was das Leben zu bieten habe. Die Midlife-Krise.

So strampelt man sich ab, man kämpft. Und irgendwann ist sie da, die Erschöpfung. Man ist am Ende seiner Kräfte. Nichts geht mehr.

Elia, der alttestamentliche Prophet, hat es auch erlebt:
1. Könige 19,1-13a.15-16: 1 Ahab erzählte Isebel alles, was Elija getan, auch daß er alle Propheten mit dem Schwert getötet habe. 2 Sie schickte einen Boten zu Elija und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das antun, wenn ich morgen um diese Zeit dein Leben nicht dem Leben eines jeden von ihnen gleich mache. 3 Elija geriet in Angst, machte sich auf und ging weg, um sein Leben zu retten. Er kam nach Beerscheba in Juda und ließ dort seinen Diener zurück. 4 Er selbst ging eine Tagereise weit in die Wüste hinein. Dort setzte er sich unter einen Ginsterstrauch und wünschte sich den Tod. Er sagte: Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben; denn ich bin nicht besser als meine Väter. 5 Dann legte er sich unter den Ginsterstrauch und schlief ein. Doch ein Engel rührte ihn an und sprach: Steh auf und iß! 6 Als er um sich blickte, sah er neben seinem Kopf Brot, das in glühender Asche gebacken war, und einen Krug mit Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder hin. 7 Doch der Engel des Herrn kam zum zweitenmal, rührte ihn an und sprach: Steh auf und iß! Sonst ist der Weg zu weit für dich. 8 Da stand er auf, aß und trank und wanderte, durch diese Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottesberg Horeb. 9 Dort ging er in eine Höhle, um darin zu übernachten. Doch das Wort des Herrn erging an ihn: Was willst du hier, Elija? 10 Er sagte: Mit leidenschaftlichem Eifer bin ich für den Herrn, den Gott der Heere, eingetreten, weil die Israeliten deinen Bund verlassen, deine Altäre zerstört und deine Propheten mit dem Schwert getötet haben. Ich allein bin übriggeblieben, und nun trachten sie auch mir nach dem Leben. 11 Der Herr antwortete: Komm heraus, und stell dich auf den Berg vor den Herrn! Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriß und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. 12 Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. 13 Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle.15 Der Herr antwortete ihm: Geh deinen Weg durch die Wüste zurück, und begib dich nach Damaskus! Bist du dort angekommen, salbe Hasaël zum König über Aram! 16 Jehu, den Sohn Nimschis, sollst du zum König von Israel salben, und Elischa, den Sohn Schafats aus Abel-Mehola, salbe zum Propheten an deiner Stelle.

Elia hat es auch erlebt. Er hatte gekämpft, sich gewehrt, sich ausgegeben. Aber seine Gegner wurden ihm zu gross. „Elija geriet in Angst.“ Und er floh. Nur weg. Er mochte nicht mehr. Er wollte nur noch eines: einschlafen und nicht mehr erwachen.

Aber es kam anders. Ein Engel gab Elia zu essen und zu trinken. Und dann begegnete Gott ihm in einem sanften, leisen Windhauch. So erfüllte Gott ihn mit neuer Kraft, mit neuer Zuversicht, mit neuem Mut – und schickte ihn gestärkt zurück an die Arbeit. Auf eine ganz stille, feinfühlige Art hat er es getan.

Das ist die frohe Botschaft heute morgen: Gott richtet die Abgekämpften auf. Gott gibt den Erschöpften Zukunft. Und er tut es mit leisen Tönen. Ein Gott der leisen Töne.

Sagen wir es darum so:
  1. Neue Kraft für Leib und Seel
  2. Eine Begegnung mit Gott
  3. Zurück in den Alltag


1. Neue Kraft für Leib und Seele

Leidenschaftlich habe Elia sich für Gottes Sache in Israel eingesetzt, mit Leib und Seel gekämpft, auch manchen Erfolg gehabt. Und doch treffen wir ihn hier unter dem Ginsterstrauch an. Rund um ihn herum Wüste und in ihm auch: „Da wünschte er sich den Tod. Er sagte: Nun ist es genug. Herr, nimm mein Leben“. Er mag nicht mehr. Er kann nicht mehr. Er will nicht mehr. Die Batterien sind leer. So legt er sich unter dem Ginsterstrauch nieder und schläft ein.

Wie geht es eigentlich dir? Bringt diese Geschichte in dir etwas zum Klingen? Hat sie dich sogar an eigene ähnliche Erfahrungen erinnert? An Zeiten in deinem Leben, in denen du auch nicht mehr weiter gesehen hast. An Phasen in deinem Leben, in denen du nur noch funktioniert hast, wenn überhaupt. An Momente, in denen du am liebsten alles hättest liegen lassen und auf und davon wärst? Fühlst du dich vielleicht gerade jetzt erschöpft und leer? Weil es schon die ganze Woche drunter und drüber ging, und heute morgen auch gerade noch, und du auf dem letzten „Zagge“ hier angekommen bist. Eigentlich möchtest einfach deine Ruhe, „pfuuse“ unter einem schattigen Strauch.

Wenn es dir so geht heute morgen, dann wünsche ich dir besonders, dass dir dieser Gottesdienst wie für Elia die Zeit unter dem Strauch an Leib und Seele gut tut. Auch wenn das ein Nickerchen miteinschliessen sollte. Der Kirchenschlaf soll ja nicht der schlechteste sein, sagt man.

Da liegt er also und schläft, der gute Elia. Ich stelle mir vor, Gott hätte ihm in diesen Augenblicken allerlei Wahres und Wichtiges zu sagen gehabt. Wieso er eigentlich vor Isebel Angst habe und geflohen sei. Ob er ihm, Gott, denn immer noch nicht mehr vertraue. Und man gehe doch nicht ohne Wasser in die Wüste. Das Leben sei doch ein Geschenk, und er habe nicht das Recht, es so gedankenlos wegzuwerfen. Er solle ein wenig besser zu sich schauen.

Es ist ja schon so, dass es so weit kommt, dass wir nicht mehr können, hat nicht nur aber oft auch mit unserem eigenen Verhalten zu tun. Mit unseren Entscheidungen oder Nicht-Entscheidungen, mit unserem Tun oder Nicht-Tun. Die Menschen um uns herum sehen diese Zusammenhänge manchmal tatsächlich besser als wir selbst, weil jeder von uns auch seine blinden Flecken hat. Und es ist nötig, dass wir auf sie hören, um die Ursachen für unser Ausbrennen zu finden.

Aber das berührt mich: In der Elia-Geschichte ist jetzt etwas anderes dran. Gott schickt nämlich einen Engel, der ihm zu essen und zu trinken bringt. ‚Elia, iss! Iss, damit du wieder zu Kräften kommst.’ Und Elia isst und trinkt – und schläft weiter. Der Engel kommt noch einmal und gibt ihm nochmals zu essen. Offenbar hat es gewirkt. Elia steht nämlich auf und marschiert los, 40 Tage, bis zum Gottesberg.

Einfach einmal auftanken. Nicht schon weise Ratschläge, nicht schon das Problem lösen. Einfach an Leib und Seele etwas Gutes erleben und so zu Kräften kommen. Schlägt Gott nicht schon hier leise, feine Töne an? Durch das Gewöhnliche, Brot und Wasser und Schlaf, erlebt Elia Stärkung. Das erinnert mich an den Slogan ‚Suppe, Seife, Seelenheil’. Nur in einem ausgeruhten Körper kann ein wacher Geist zu Hause sein.

Aber, gell, es fällt einem gar nicht so leicht, auch zu diesen so ‚irdischen’ Bedürfnissen zu stehen und ihnen die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Wie schnell befällt uns da das schlechte Gewissen. Spürst du es manchmal auch? Aber das macht dich kaputt!

Ich kenne deine konkrete Situation viel zu wenig, um dir zu sagen, was deine Bedürfnisse sind und welche Gelegenheiten sich dir bieten, sie zu stillen. Im Blick auf Elia möchte ich dir einfach sagen: Achte auf die Engel, die dir in deinem Alltag zu essen und zu trinken bringen. Ich bin überzeugt, sie sind da! Hab kein schlechtes Gewissen, dir im Alltag da und dort kleine Auszeiten zu gönnen, spontan oder vielleicht auch geplant, und für ein paar Minuten oder vielleicht auch einmal länger die Arbeit Arbeit sein lässt. Eine Einladung zu einem Tee, ein Schwatz mit der Nachbarin oder dem Kollegen, ein paar Seiten in einem spannende Buch lesen, ein Spaziergang, den Sonnenuntergang geniessen. Einfach etwas, das dich freut und dir gut tut. Was Gott nicht zu wenig ist, soll auch dir nicht zu wenig sein. Gott braucht das Gewöhnliche, Geschöpfliche, um dir neue Kraft zu schenken. Lass dich von ihm beschenken. Falls es dir schwer fällt, seine Engel und diese Momente zu erkennen, dann könnte das dein Gebet sein: ‚Herr, du willst nicht, dass ich ausbrenne. Darum schickst du auch mir deine Engel. Hilf mir, sie heute zu sehen. Amen.’

2. Eine Begegnung mit Gott

So kam Elia also wieder zu Kräften, und er machte sich auf den Weg zum Gottesberg Horeb, dahin wo Gott schon Mose begegnet ist. Dort angekommen fragt ihn Gott: Was willst du hier? Und dann bricht es aus ihm heraus: Mit leidenschaftlichem Eifer habe er sich für ihn eingesetzt und für ihn gekämpft, weil das Volk Israel doch seinen Bund gebrochen und die Altäre zerstört habe. Alle seine Prophetenkollegen hätten sie umgebracht. Nur er sei noch am Leben, und auch ihn wollten sie töten.

Man spürt seine Not förmlich: Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Das ist zu viel für mich. Und Gott hört zu! Gott hört zu. – Eine Erfahrung, die die Menschen immer wieder gemacht haben. So sind die Klagepsalmen entstanden. Darin klagten Menschen ungeschminkt ihre Not, weil sie gewiss waren: Da ist einer, der uns zuhört.

Wie gut, dass Gott auch uns zuhört! Es interessiert ihn, wie es uns geht, was uns plagt. Psalmen oder andere Texte sind für viele eine wunderbare Hilfe. Aber auch mit eigenen Worten können wir aussprechen, was uns plagt. Noch greifbarer und konkreter wird es, wenn ein lieber Freund oder eine Freundin mithört, vielleicht auch mitbetet. Oder wenn die Gemeinde mitträgt. Wenn die Not so gemeinsam getragen und vor Gott gebracht wird. Übrigens, im Anschluss auch an diesen Gottesdienst bieten wir an, mit euch zu beten, die ihr das möchtet.

Elia leert sein Herz aus bei Gott. Damit ist aber nicht fertig. Jetzt zeigt sich Gott dem Elia. Eigentlich ist damit schon zu viel gesagt, jedenfalls wenn wir darunter verstehen, dass Elia ihn mit seinen Augen gesehen hätte. Ganz geheimnisvoll geht das zu:
Der Herr antwortete: Komm heraus, und stell dich auf den Berg vor den Herrn! Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriß und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.

Gott ist nicht im Sturm, auch nicht im Erdbeben und auch nicht im Feuer. Das wird ausdrücklich gesagt. Wenn Gott kommt, kracht es nicht, ist die Erfahrung von Elia. Im Gegenteil, dann wird es still. Elia erlebt einen Gott der leisen Töne. Von einem sanften, leisen Säuseln ist die Rede. Elia spürt im Augenblick dieses Windhauchs die Gegenwart Gottes plötzlich so real, dass er sein Gesicht verhüllt und hinaus vor die Höhle geht. Er spürt, dass Gott da ist, und er will ihm ganz nahe sein.Gott bleibt geheimnisvoll, unfassbar. Aber er ist doch spürbar, real da. Elia wird still. Jetzt hört Elia. Diese abgekämpfte Menschenseele wird ruhig.

Das tut unglaublich gut, sein Herz auszuschütten und dabei ruhig und still zu werden vor Gott. Darf ich euch jetzt, bevor ich meinen letzten Gedanken sage, dazu einladen? Einladen, ein paar Augenblicke still zu sein? Vielleicht möchtest du die Zeit nutzen, um dein Herz auszuschütten, vielleicht möchtest du einfach still da sein vor Gott. Du brauchst an nichts Bestimmtes zu denken. Geniesse einfach das Dasein vor Gott. Er ist da.

3. Zurück in den Alltag

Dort vor der Höhle auf dem Gottesberg wurde es in Elia still. Und in diese wohltuende Stille hinein hat Gott zu ihm gesprochen: „Elia, geh deinen Weg durch die Wüste zurück, und begib dich nach Damaskus!“

Geh deinen Weg zurück. Geh wieder zurück. Nach Damaskus sollte Elia gehen, in die Metropole des damaligen mitteleren Ostens. Ein neuer Auftrag erwartete ihn dort. Elia wurde noch gebraucht. Gott schickt ihn zurück an seinen Platz. Die Auszeit ist vorbei. Das Leben mit seinen Sonn- und Schattenseiten geht weiter. Elia ist gefordert.

Was mag das für dich bedeuten? Nach diesem Gottesdienst oder spätestens morgen stehst auch du wieder mitten im Alltag, in der Familie, im Haushalt, am Arbeitsplatz in der Firma. Der gesunde Menschenverstand sagt mir, dass wenn du schon über längere Zeit am Limit gehst und du spürst, bald geht es nicht mehr, dass es ist jetzt dran, dir ein paar grundlegende Gedanken zu deinem Leben zu machen. Denn es soll nicht sein, dass du irgendwann gar nicht mehr kannst.

Überleg dir doch, was du selbst oder ihr als Familie ändern könnt, um mehr Ruhe ins Leben zu bringen. Sprecht als Ehepaar darüber und sucht nach Lösungen. Geh zu Freunden, zu denen du Vertrauen hast, und frage, wie sie deine Situation sehen. Bitte sie um Unterstützung. Und dann mach den Anfang. Nur einen kleinen Schritt vielleicht, aber geh ihn. Probier es. Sei mutig. Das ist deine Aufgabe für die nächste Woche. Dazu stärkt dich Gott heute morgen.

Und eben, auch nächste Woche sind Gottes Engel mit Speis und Trank für Leib und Seele unterwegs. Und jeder feine Windhauch, den wir spüren, und alle leisen Töne, die wir hören, erinnern uns daran: der Gott der leisen Töne ist da und lädt uns ein, still zu werden und hinzuhören, damit er uns weiter führen kann. Amen.

Stefan Zürcher, Pfr. - 1. Oktober 2006