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Erlöst in eine neue Stellung hinein

Erneuerung von innen nach aussen, Einheit 6


Bibeltext: Jeremia 31,31-34; Galater 4,4-7
Predigttext: Epheser 2,19

In der Fremde
Wer war schon einmal für kürzere oder längere Zeit „in der Fremde“? In einem Welschlandjahr nach der Schule? In der Stifti weg von Zuhause? In einem Schüleraustausch? Auf einer Reise durch andere Kontinenten? Vielleicht sogar beruflich mehrere Monate oder Jahre im Ausland? Dann wisst ihr, was Fremdsein heisst!
Ich habe es auch erlebt – in meinen 5 Jahren in Deutschland. Obwohl – so wahnsinnig anders ist es ja im Schwäbischen auch wieder nicht. Da entdeckt man schnell Gemeinsamkeiten. Aber vor allem in Alltäglichkeiten wurde mir immer wieder bewusst, dass wir eben doch fremd sind. Z.B. beim Einkaufen. Du stehst vor dem Kühlfach und hast 5 unbekannte Buttersorten vor dir? Oder im Brotregal fehlt das Solothurnerbrot, und auch das Fyrabig-Brot ist nicht da, nicht einmal ein gewöhnliches Dunkles? Auch dein Shampoo findest du nirgends, dafür 10 andere? Viele Produkte musst du suchen und neu ausprobieren. Zum Alltäglichen gehört aber auch alles im Zusammenhang mit Behörden: Die Anmeldung beim Einwohneramt oder für den Kindergarten, Krankenkasse, Steuern, usw. Manchmal kamen wir uns ganz verloren vor. Obwohl wir ja eine ganz ähnliche Sprache sprachen, gab es doch Unterschiede, die uns bis zum Schluss als Fremde verrieten. Bsp. „Störung“ im Zusammenhang mit dem Wetter. Wie muss es einem erst gehen bei einer richtigen Fremdsprache, die ja immer auch Ausdruck einer ganz anderen Kultur ist?
So blieben wir jedenfalls ihnen und sie uns in manchem fremd bis zum Schluss. Und die Rückkehr in die Schweiz, war ein richtiges Nach-Hause-Kommen, obwohl wir uns insgesamt wirklich wohl gefühlt hatten. Wir sind zurückgekommen in ein Umfeld, das uns vertraut war.

Wir sind nicht mehr fremd!
Epheser 2,17-22: 17 Er kam und verkündete den Frieden: euch, den Fernen, und uns, den Nahen. 18 Durch ihn haben wir beide in dem einen Geist Zugang zum Vater. 19 Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes. 20 Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Schlußstein ist Christus Jesus selbst. 21 Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn. 22 Durch ihn werdet auch ihr im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut.
Die Christen in Ephesus, die Adressaten dieses Briefes, werden an die Zeit erinnert, in der sie vor Gott Fremde waren. Die Verse 11.12 sagen es noch deutlicher:
Erinnert euch also, daß ihr einst Heiden wart und von denen, die äußerlich beschnitten sind, Unbeschnittene genannt wurdet. Damals wart ihr von Christus getrennt, der Gemeinde Israels fremd und von dem Bund der Verheißung ausgeschlossen; ihr hattet keine Hoffnung und lebtet ohne Gott in der Welt.
Sie lebten getrennt von Christus und ohne Gott. Sie gehörten auch nicht zur Gemeinde Isra-els. Sie konnten es als Heiden auch gar nicht. Sie waren ausgeschlossen. Doch jetzt ist alles anders, denn: Verse 17.18 (s.o.).
Herrlich! Christus hat ihnen allen, den Heiden und den Juden die Tür zum Vater geöffnet. Das Tor ist weit offen! Sie können hineingehen. In den vorangehenden Lektionen unseres Kurses, beso L 2 und 5, haben wir uns auch damit befasst, und L 6 erwähnt diese einzigartige Tat Jesu, die auch uns gilt, auch noch einmal: Christus hat Frieden gemacht zwischen uns und Gott, hat so die Tür zum Vater aufgestossen und uns durch seinen Geist den Weg zu Gottes Hausgemeinschaft geöffnet. Das heisst für dich doch: Die Tür ist offen! Alle haben auf dich gewartet! Du bist willkommen! Und die Frage ist: Bist du schon hineingegangen? Hast du dein neues Zuhause betreten? Du, dann gehörst du jetzt auch zu Gottes Hausgemeinschaft. Dann bist du einer/eine von uns! Hey, wir gehören auch dazu. Herzlich willkommen! Wir sind „Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“.
Was ich jetzt mehr räumlich (offene Türe, hineingehen) beschrieben habe, ist eigentlich vor allem eine Beziehungssache. Du und ich in diesem Haus, wir haben eine neue Beziehung zu Gott, eine ganz persönliche Beziehung, eine ganz nahe. Du stehst jetzt ganz nah bei Gott und er ganz nah bei dir. Paulus spricht sogar davon, dass du in Gott und Gott in dir lebt. So intensiv und eng ist diese Beziehung.
Gleichzeitig – und das ist auch spannend – bedeutet diese neue Stellung aber auch ein neues Verhältnis zu den Leuten, die zu Gottes Hausgemeinschaft gehören. Du gehörst jetzt auch zur Gemeinde und hast ganz viele neue Geschwister. Zumindest mit einem Teil teilst du jetzt das Leben.
Dein neues Zuhause hat also zwei Seiten: die individuelle – du und Gott – und die gemeinschaftliche – du und die anderen. Diese beiden Seiten betrachten wir nun noch ein wenig genauer.

Eine neue, enge und persönliche Beziehung zu Gott
Mir gefällt das Bild der Hausgemeinschaft Gottes, zu der wir gehören, besonders gut! Weil darin so vielfältige Beziehungen vorkommen. Die Hausgemeinschaft Gottes ist nicht zu verwechseln mit der Familie, wie wir sie in der Regel kennen: mit Vater, Mutter und Kinder. Diese Kleinfamilie gab es damals noch gar nicht. Nein, die Hausgemeinschaft, von der hier die Rede ist, ist viel bunter: Da lebten meist 3 oder sogar 4 Generationen zusammen – Kinder, Eltern, Grosseltern, Urgrosseltern; häufig waren auch Tanten und Onkels da; dann Angestellte für Haus, Feld oder Geschäft; manchmal haben auch Fremde mitgelebt.
Ein bisschen habe ich das auch noch erlebt. Neben meinen Geschwistern und Eltern lebten meine Grosseltern und eine unverheiratete Grosstante in unserem Haushalt, und im Stöckli nebenan eine weitere Grosstante mit Ehemann. Und in früheren Jahren, also vor meiner Geburt, war auch noch der Urgrossvater da und die Angestellten des Bauernbetriebs, meist Saisonniers aus Italien oder Spanien. Da war etwas los am Mittagstisch!
Ich erzähle das, damit uns bewusst wird, dass in so einer Hausgemeinschaft die Beziehungen viel vielfältiger waren als in unseren Kleinfamilien, wie wir sie meist erleben.
Die Beziehung der Kinder zu den Eltern und untereinander gab es in der Grossfamilie natürlich auch. Und das ist ja auch ein Bild, das wir in der Bibel oft finden, wenn von Gott und den Menschen die Rede ist: Gott als Vater, direkt als Mutter zwar meines Wissens nie, aber auf jeden Fall mit mütterlichen Eigenschaften; Ps 131,2; Jes 66,13, wir als seine Kinder. – Für viele ein wunderbares Bild für die Gottesbeziehung.
Daneben lebten in einer Grossfamilie weitere Verwandte. Da können auch ganz enge Beziehungen entstehen, zum Grossvater oder zur Grossmutter, die viel Zeit haben, vielleicht, oder zu einer Tante. Sie lebt zwar nicht bei uns, aber die Tante / Gotte von Valérie ist so ein Segen für sie und unsere ganze Familie. Einfach jemand, der da ist für uns. – Gott wie eine gute Tante, die Beziehung zu ihm wie die Beziehung zu einer lieben Tante!
In dieser Hausgemeinschaft lebten zusammen mit dem Hausherrn auch Angestellte, Mitarbeiter. Gibt es nicht ganz wunderbare Beziehungen zwischen Mitarbeitern und ihrem Patron? Dort, wo der Patron viel mehr als der Chef und Vorgesetzte ist? Wo er Versorger, Ermutiger und Förderer, Berater, ja väterlicher Freund ist. Wo einer den ganzen Menschen und nicht nur die Arbeitskraft sieht. Wo einer spürt, wenn seinen Untergebenen irgendwo der Schuh drückt und sich für seine Not Zeit nimmt und zuhört. – Gott als vertrauenswürdiger Patron!
So ein Hausherr – oder eine andere Person – wird dann auch zum Lehrer, zum Mentor, der die ihm anvertrauten Menschen im Leben anleitet und begleitet. Auch das kann in einer so vielfältigen Hausgemeinschaft geschehen. – Gott als Mentor.
Auch Freundschaften entstehen da. In meiner Familie lebte während dem Krieg über mehrere Monate eine damals junge Deutsche mit ihren Kindern. Ihr Mann kam im Krieg um. In dieser Zeit hat sich zwischen unserer und ihrer Familie eine tiefe Freundschaft entwickelt, die bis heute anhält. – Gott als Freund.
„Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes.“ So vielfarbige und vielgestaltige Beziehungen zu Gott stecken in diesem Bild von Gottes Hausgemeinschaft. Und die Bibel kennt darüber hinaus ja noch viele andere: das Bild vom Bürgerrecht oder jenes von Gottes Eigentum, das Bild vom König und seinem Volk; dann aus der übrigen Schöpfungswelt das Bild vom Hirten und seinen Schafen; oder die abstrakteren vom Bausteine und dem Bauherrn (V. 20ff) oder vom Leib mit seinen Gliedern. Sie alle umschreiben unsere neue Stellung zu Gott, unser Zu-Gott-Gehören durch Jesus Christus.

Nein, nicht alle Bilder sprechen alle gleich an. Manche machen uns sogar Mühe und verdunkeln, was sie beschreiben sollen. Wer einen Vater erlebt hat, der geschlagen oder einen sogar missbraucht hat, wird es ganz schwer haben, sich seine Beziehung zu Gott als eine Kind-Vater-Beziehung vorzustellen und sich voll Freude als Gottes Kind zu verstehen. Wer einen Chef erlebt, der seine Arbeiter ausbeutet und in ihnen ein x-beliebiges Produktionsmittel oder – noch schlimmer – nur einen Kostenfaktor sieht, wird nur schwer verstehen können, was seine neue Stellung als Christ ist, wenn sie ihm mit diesem Bild verständlich gemacht werden soll. Usw. Je nach unseren Erfahrungen empfinden und beschreiben wir unsere Beziehung zu Gott verschieden. Ein Bild, das mir hilft, ist für dich vielleicht unbrauchbar. Ein anderes macht es mir schwer, mich vor Gott als den zu erkennen, der ich wirklich bin. Aber eben, das war schon immer so. Darum kennt schon die Bibel so viele verschiedene Bilder.

Welche Bilder helfen dir? Welches spricht dich an?
René Christen schlägt eine gute Übung vor: Nimm dieses Bild und predige es dir selber immer wieder, bis es dir in Fleisch und Blut übergegangen ist. Sprich es dir zu, bis du merkst, dass dieses Bild bzw. das, was es sagt, dich zutiefst prägt. Warum nicht jeden Morgen aufstehen und sich zusagen: Ich gehöre zu Gottes Hausgemeinschaft! Gott ist mein Patron, der spürt und sieht, wo ich anstehe, und der mich mit allem Nötigen versorgt. Danke, Herr! Oder: Ich gehöre zu Gottes Hausgemeinschaft! Ich bin sein Kind. Mein himmlischer Vater ist stärker als alles andere. Danke, Vater!
Noch kurz zu den Bildern, die uns Mühe machen: Wohl in den meisten fällen sind die Gründe dafür negative Erfahrungen, mit denen wir diese Bilder dann füllen und auf Gott übertragen. Es ist darum gut, sich auch mit ihnen auseinanderzusetzen, Gott zu bitten, diese Gründe aufzuzeigen und einen zu heilen. Seelsorge oder eine Beratung ist dabei oft eine grosse und wichtige Hilfe.

Teil der Gemeinde
Also, in Gottes Hausgemeinschaft bist du Gott ganz nah. Aber du bist in diesem Haus nicht allein. Da sind noch all die anderen, die auch da leben.
Am Anfang habe ich von meinen Erfahrungen in der Fremde erzählt. Etwas habe ich dabei unterschlagen. Es stimmt, wir waren fremd in Deutschland. Und doch fühlten wir uns sogar im Ausland ziemlich Zuhause, denn wir lebten in der Seminargemeinschaft und gehörten auch zu dortigen EMK-Gemeinde. Diese Gemeinschaft war unser Zuhause, auch wenn wir äusserlich in der Fremde lebten.
Die Hausgemeinschaft Gottes besteht aus vielen anderen Menschen. Schaut einmal um euch herum! Dann kommen noch jene der Pfimi, der FeG, der Chrischona, der ETG, der Landeskirchen dazu, und jene der umliegenden Dörfer, usw. Als Hausgenosse Gottes, wie es unser Text sagt, gehörst du auch zu ihnen. Du bist Teil der Gemeinde.
Paulus wechselt nun das Bild, um dies deutlich zu machen: V. 20-22.
Wir sind Steine im Bauwerk Gottes. Wir sind Glieder der Gemeinde Gottes und Teil der Wohnung Gottes, in der er wohnt. In der Taufe eines Menschen verbunden mit dem persönlichen Glaubensbekenntnis und dem Ja zu unserer Kirche und Gemeinde kommt dies zum Ausdruck: ‚Ja, ich will zur Hausgemeinschaft Gottes gehören. Ich will ganz nah zu Gott gehören – und ich will zu seiner Gemeinde gehören. Das will ich auch sichtbar machen, indem ich zu dieser Kirche und Gemeinde Ja sage und mich an ihrem Leben und Auftrag beteilige.’
Wisst ihr, warum das so gut ist, zur Gemeinde zu gehören? Noch einmal zu unserer Zeit in Reutlingen: Mitstudierende der Seminargemeinschaft haben zu uns gesagt: Probier mal diesen Butter! Dort, bei diesem Bäcker gibt es gutes Brot. Oder: Komm, ich helfe dir beim Ausfüllen der Anmeldung für die Krankenkasse. Sie haben uns geholfen, uns zurechtzufinden und das Gefühl, fremd zu sein, wenigstens teilweise zu verlieren.
So ist es auch mit der Gemeinde: Sie hilft uns, in Gottes Hausgemeinschaft heimisch zu werden und zu bleiben. Durch ihre Verkündigung verstehen wir immer besser, was es heisst, zu Gott zu gehören. In der Seelsorge kommt an den Tag, was es uns zB schwer macht zu glauben, dass Gott eben ein liebender Vater ist, und nicht einer der dreinschlägt. In der Gemeinschaft erleben wir Annahme. Usw. Die Gemeinde als Gottes Werkzeug, um unsere neue Stellung zu ihm zu verstehen. Wir als Instrument Gottes, um einander immer wieder neue Facetten unserer neuen, persönlichen und engen Beziehung zu ihm zu zeigen und um uns zuzusprechen, was Gott sagt: ‚Du bist mein Kind. Du bist mein Freund. Ich habe dich zu mir geholt, du gehörst für immer zu mir.’ Ich bin unglaublich dankbar, dass ich zu einer Gemeinde gehören darf, in der das sichtbar, hörbar und spürbar ist. Amen.

Stefan Zürcher, Pfr. - 27. August / 17. September 2006