Erneuerung von innen nach aussen, Einheit 4
Bibeltext: Psalm 1
Am 1. Juni hatten meine Frau und ich Hochzeitstag. Und meine Schwiegereltern hat uns eine Karte geschrieben. Das hat mich sehr gefreut. Ist es nicht etwas Schönes, von Freunden Briefe zu bekommen? Vor unserer Heirat haben meine Frau und ich uns über mehr als zwei Jahre zwei Mal pro Woche eine Brief geschrieben und einander alles Mögliche erzählt. Ich habe mich immer schon den ganzen Tag auf den Brief gefreut.
Aber es gibt ja leider auch das andere: Vor einigen Monaten habe ich ein eMail an einen Bekannten geschrieben, den ich schon viele Jahre nicht mehr gesehen habe. Einfach so, weil ich im Internet auf seine Homepage geraten bin. Aber bis heute habe ich keine Reaktion erhalten. Das ist natürlich eine Enttäuschung. Wir haben auch so Kollegen, Freunde, Verwandte, die sich nie melden. Man hat den Eindruck, dass immer wir uns melden müssen, um den Kontakt zu halten. Das ist frustrierend. Und einseitige Beziehung, in denen nichts zurückkommt, laufen sich ja dann auch oft irgendwann zu Tode. Einbahn-Kommunikation endet früher oder später in der Sackgasse.
Gott redet!
Das ist jetzt aber ein echter Aufsteller! Unsere Beziehung zu Gott ist keine Einbahnstrasse. Gott redet! Da kommt etwas zurück. Gott gibt Antwort, das erfahren wir in der Bibel. Der Satz: „Als ich den Herrn suchte, antwortete er mir“ ist gleich mehrfach (Ps 34,5; Jes 58,9; Jer 33,3) zu finden. Und der Prophet Jesaja verspricht in Gottes Namen sogar: „Ehe sie rufen, will ich antworten.“ (Jes 65,24). Das allererste, das wir von Gott erfahren, wenn wir die Bibel aufschlagen, ist was? Dass Gott redet: „Und Gott sprach: Es werde…“
Es gehört zum Wesen Gottes, dass er redet, soger noch bevor er angeredet wird, zB im Gebet oder im Bibellesen. Gott redet, Gott will nicht für sich alleine bleiben. Gott sucht den Kontakt mit seinen Geschöpfen. Das ist ihm total wichtig. Er will eine Beziehung mit uns aufbauen. Darum sucht er den Kontakt mit uns. Und er sucht ihn immer wieder, sogar da wo keine Antwort kommt, wo der Angesprochene weghört.
Zum Glück für uns! Das sage ich aus persönlicher Betroffenheit und aus tiefstem Herzen. Glaubt nur nicht, dass man als Pfarrer automatisch, sozusagen von berufswegen immer auf Empfang geschaltet ist und jederzeit Gott sucht. Ich kenne Zeiten, da melde ich mich von mir aus nicht bei Gott, da bleibt der Telefonhörer – um in einem Bild zu reden – aufgehängt, der PC abgeschaltet – aus was für Gründen auch immer. 1000 Sachen können da plötzlich wichtiger sein. Ihr kennt das ja auch. Wie dankbar bin ich, dass schon oft Gott der war, der den ersten Schritt machte und mich ‚angerufen’ hat. Und nicht ‚lugg’ gelassen hat, bis ich endlich abgenommen habe. Wie dankbar bin ich, dass er nicht aufgegeben hat, dass er Geduld hat und wartet, bis ich Antwort gebe.
Gott sucht von sich aus den Kontakt, das Gespräch, die Beziehung mit uns. Das zeigt mir diese Erfahrung. Gott redet. Das macht mich froh! Da ist einer, der die Mauern durchbricht, hinter denen ich mich manchmal abschotte. Ich wäre nicht hier, wenn das nicht so wäre.
Wir können weghören
Aber natürlich, wir können Gott auch im Regen stehen lassen. Er zwingt uns nicht, mit ihm zu reden. Er zwingt uns nicht, ihm zuzuhören. Wir können unsere Ohren verstopfen, unseren Kopf mit allerlei anderem so füllen, dass das, was Gott zu sagen hat, nicht hineingeht, kein Platz findet, jedenfalls nicht im Herz. Oder wir können auf Durchzug schalten. Das geht. Und Gott respektiert das sogar.
Erlebst du das manchmal auch, dass Gott einfach nicht durchkommt bei dir, weil du ihn nicht hören willst, vielleicht weil du mit etwas Ungutem beschäftigt bist und du ganz genau weißt, was Gott dir zu sagen hätte? Weißt du, was ich meine?
Es kann aber auch sein, dass es nicht einmal Ungutes ist, solches, das Gott besser nicht sieht, das daran Schuld ist, dass Gott nicht durchkommt. Es ist sehr gut möglich, dass es an und für sich Gutes ist, mit dem du beschäftigt bist. Aber du bist mit ihm so beschäftigt, dass es dem Reden Gottes in die Quere kommt, und die Stimme vom lebendigen Gott abgeblockt wird.
Die Bibel ist nur ein Werkzeug, aber ein wertvolles
Weil es ja in unserer heutigen Lektion 4 um die Bibel geht, nehme ich ein Beispiel, das mit der Bibel zu tun hat. Martin Luther sagte von der Bibel einmal, sie sei eine Krippe, in der das Jesuskind liegt, und wir sollten vor lauter Konzentration auf die Krippe nicht vergessen, das Kind anzubeten. Er meinte damit: nicht die Bibel, die Schrift, das Geschriebene ist das Zentrum, sondern Jesus Christus. Die Bibel zeugt von Jesus Christus und davon, wie Menschen sich von ihm haben rufen lassen. Die Bibel ist ein Kanal, ein Werkzeug, ein Hilfsmittel, das Gott benutzt, um mit uns ins Gespräch zu kommen. Ein total wichtiger Kanal, aber eben nur ein Hilfsmittel. Durch die Bibel redet Gott. Aber Gott redet und wirkt, und nicht die Bibel. Gott ist die Quelle und nicht die Bibel.
Ulrich Eggers, selber Freikirchler, wohl Baptist, schreibt in der neusten Nummer der Zeitschrift Aufatmen: „Für uns Christen … ist Jesus Christus das fleischgewordene Wort Gottes, der lebendige Herr, von dem die Bibel nur Zeugnis gibt… Die Bibel selbst hat keine Erlösungskraft, sondern ist ein Brief des Erlösers. Sie ist nur Abbild des lebendigen Gottes, zu dem ich durch Jesus Christus und den Heiligen Geist lebendigen Zugang finde. Das Buch des heiligen Gottes ist also vor allem der Türöffner zu ihm selbst und hat deswegen eine dienende Funktion.“
Er betont dies, weil er da und dort in seinen freikirchlichen Kreisen beobachtet, dass die ganze Konzentration der Krippe, dem Buch, dem Buchstaben gilt und dabei das Kind vergessen geht. ‚Wo man eine bibel-gebundene Rechtgläubigkeit verherrlicht, da kommt man gut auch ohne die mühsam-zeitfressende Rückkoppelung mit dem lebendigen Jesus aus’, fasst er seine Beobachtungen zusammen.
Er meint, das habe damit zu tun, dass es aufwändiger ist, auf das Reden des lebendigen Herrn zu hören: „Bibel-treu statt Jesus-treu… Bibeltreu ist einfach, klar, schwarz-weiss, lässt sich schriftlich fassen, klar abgrenzen, bis zum bitteren Ende auskämpfen, intellektuell abarbeiten. Jesus-treu? Was ist denn das? Ist das nicht schwammig? Und mühsam? Und versteht da nicht jeder was ganz anderes darunter? Und kann man das überhaupt schwarz auf weiss festhalten? … Eine Arbeit selbst vor dem lebendigen Jesus verantworten? Wie soll man das denn nachprüfen? Das ist doch völlig subjektiv! Dagegen die Bibel! Da steht es doch drin!“ So weit Ulrich Eggers.
Es ist wahr, es ist aufwändig, manchmal mühsam, den lebendigen, den manchmal so ganz anderen, unfassbaren Gott zu suchen, ihn um das Wunder zu verstehen zu bitten, auf das leise Flüstern des Heiligen Geistes zu setzen. Es kostet etwas, das Gehörte zu prüfen, ob es wirklich von Gott ist oder von woanders, und dann hinzustehen und es vor den andern selbst zu verantworten, immer im Wissen, dass man sich vielleicht doch getäuscht haben könnte, dass sich vielleicht doch allzu Menschliches eingeschlichen hat. Es braucht Mut, sich zu exponieren, hinzustehen ohne letzte Sicherheit und ohne alles eindeutig, Wort für Wort mit biblischen Zitaten beweisen zu können.
Vielleicht spürt ihr es. Mit diesen Gedanken stelle ich mich auch ein wenig kritisch gegen die eine oder andere Aussage des Teilnehmerbuches zum Thema. Ich habe ja auch die Überschrift nicht übernommen. Im Buch heisst sie: „Voraussetzungen, damit die Bibel kräftig an uns wirkt“. Ich formuliere lieber: „Gottes Reden Raum geben“. – Damit ganz klar ist, dass nicht die Bibel, sondern Gott durch die Bibel wirkt. In diesem Zusammenhang ermuntere ich euch, dieses Kursmaterial durchaus auch ein wenig kritisch zu lesen, genau so wie ich euch ermuntere, mir und uns Predigern offen, aber immer auch ein wenig kritisch zu zu hören und das Gehörte vor Gott zu prüfen.
Wieder hinhören
Jetzt aber zurück zum eigentlichen Thema. Ich habe gefragt, ob du es manchmal auch erlebst, dass Gott bei dir nicht durchkommt. Ich frage dich ganz direkt: Spürst du manchmal auch, dass du den Hörer lieber nicht abnimmst und nicht hinhörst? Dich mit der Krippe zufrieden gibst? Eben weil es dich etwas kostet, Gottes Reden Raum zu geben?
Aber gell, du weißt auch: Wo du das Gespräch mit Gott abbrichst, wirst du austrocknen, denn das Reden Gottes in deinem Leben ist das Lebenswasser. Das weiss der Psalmist, wenn er sagt: „Wohl dem Mann, der seine Freude hat an der Weisung des Herrn, über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht. Er ist wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, der zur rechten Zeit Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken“ (Ps 1*).
Vielleicht merkst du jetzt: ‚Eigentlich möchte ich mit Gott wieder ins Gespräch kommen. Ich möchte seine Stimme wieder hören. Ja, ich will erfahren, was er denkt und mir zu sagen hat. Ich will es wirklich.’ Dann bitte ihn doch wieder darum. Jetzt, in diesem Gottesdienst. Sage ihm, was dich daran gehindert hat, auf ihn zu hören. Oder wenn du das gar nicht so richtig weißt, dann bitte ihn doch, es dir zu zeigen. Bitte ihn, die Leitung zu entstopfen: Herr, rede du, ich höre.Denk an das, was schon viele vor dir erlebt haben: „Als ich den Herrn suchte, antwortete er mir“. Halte dich daran fest. Gott überhört deine Bitte nicht! Bleib dran, auch wenn du nicht sofort etwas hörst, wenn’s Zeit braucht, wenn’s dich etwas kostet. Es lohnt sich!
Gott braucht zum Reden viele Kanäle
Jetzt ist es aber, wie gesagt, nicht so einfach zu verstehen, was er sagt und will. Oder habt ihr auf eurem Bildschirm schon einmal ein eMail von gott@himmel.org gefunden? Ich leider noch nie, obwohl ich es mir schon oft gewünscht hätte. Ein kleine Wegweisung in einer vertrackten Situation oder ein paar geniale Gedanken für die Predigt oder noch besser die ganze Predigt möglichst verbunden mit der Aufforderung, jetzt doch einfach einen Tag frei zu geniessen. Aber da wäre wohl zu sehr der Wunsch Vater des Gedankens. Gottes Botschaften können durchaus entlastend sein. Aber gelt, es ist kaum anzunehmen, dass sie meine Faulheit unterstützen. Eine kleine Anekdote: Wir haben uns während des Studiums in der Predigtlehre über jenen Pfarrer amüsiert, der seine Predigt nicht vorbereitet haben soll. Er wollte auf der Kanzel direkt auf den Heiligen Geist hören und entsprechend reden. Doch alles, was er am Sonntag dann zu hören bekam, war: 'Du bist ein fauler Kerl!'
So einfach ist es leider nicht mit den Botschaften Gottes, wie übrigens mit dem eMail-Ver-kehr ja auch nicht. Mir war gar nicht bewusst, was für eine komplizierte technische Angelegenheit es ist, eMail herumzuschicken: Ein Mail wird ja vom sendenden Computer (auch aus Sicherheitsgründen) in unzählige kleine Teile (= Datenpakete) zerlegt. Die ‚reisen’ dann einzeln und anscheinend über ganz verschiedene Wege bzw. Kanäle zum PC des Empfängers.
Dieser empfängt die vielen Datenpakete und muss sie wieder zusammensetzen, damit das Mail gelesen werden kann.
Gottes Botschaften erreichen uns oft wie eMails unseren Computer, in kleinen Häppchen und auf ganz verschiedenen Wegen. Uns bleibt dann noch die Aufgabe, die Puzzle-Teile wieder zusammenzusetzen. A propos Kanäle: Die Bibel zeigt schon im Alten Testament, dass Gott sich auf verschiedenste Arten mitteilen kann: Von der sprechenden Eselin Bileams über Moses brennenden Dornbusch und Josephs Träume bis zum jungen Samuel, der Gottes Stimme hörte oder Abraham, der in drei Gästen, die er bewirtete, Gott erkannte. Im Neuen Testament gibt es weitere Beispiele. Vor allem aber wird immer wieder betont, dass Gott durch die Person Jesu von Nazareth spricht (vgl. z.B. Jh 14,9: "Wer mich sieht, der sieht den Vater").
So erlebe ich auch heute, wie Gott auf viele verschiedene Arten redet: Immer wieder und vor allem sind es natürlich biblische Worte und Geschichten, die sich in meinen Alltag einmischen. Aber es kann auch sein, dass sich ein Gedanke bei mir festsetzt, den ich nicht mehr loswerde. Was ich andere Menschen sagen höre, kann mir zur Antwort Gottes werden. In der Musik höre ich manchmal Gottes Stimme. Es kann letztlich jedes Erlebnis zu einer Botschaft Gottes werden. Ein eMail, ein vergessenes Buch, ein Notizzettel, der neben dem Papierkorb gelandet ist, eine Karte, mit der jemand Danke sagt ... alles kann Gott benützen, um mir etwas zu sagen.
Oft sind es also ganz verschiedene Dinge und Eindrücke. Beim betenden Nachdenken entdecke ich, dass sie irgendwie zusammen passen: Eines ergibt das nächste und plötzlich ist klar, wie es weitergehen soll. Ich bin überzeugt: da hat Gottes Geist seine Finger im Spiel und hilft mir, der gesuchten Antwort auf die Spur zu kommen.
Gottes Reden Raum geben
Bei all dem geht es darum, ob wir unsere Sinne ausgefahren haben, ob wir aufmerksam sind und wahrnehmen, was uns gesagt wird. Es ist kein Zufall, dass die Bibel nicht nur von Gottes Antworten, sondern gleichzeitig von menschlichem Suchen spricht: 'Wer sucht, der findet und wer hören will, der hört.' Und es ist auch kein Zufall, dass Paulus uns auffordert: „Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen“ (Kol 3,16).
Also: Gebt Gottes Reden Raum. Hört auf Gott, nehmt seine Worte auf, gebt ihnen Raum, bewegt sie in euren Köpfen. Lasst sie hinein in eure Herzen, lasst sie in jeden Winkel eures Lebens. Lasst sie dort ihre Kraft entfalten. Lasst euch von ihnen in Bewegung setzen. Lasst sie euch erneuern und verändern. Denn das wollen sie. Und handelt danach! Gottes Wort will nicht nur gehört, sondern getan werden. Lebt danach!
Wer nach Gottes Mitteilungen forscht, wird unglaublich viel erleben und hören. Es lohnt sich, nach Zeichen und Spuren seines Redens zu suchen und darüber nachzudenken, d.h. das Puzzle zusammenzusetzen wie der PC das Mail zusammensetzt. Es lohnt sich, weil Gott nur so erfahrbar wird. Wer es riskiert und sich auf Gottes Reden einlässt, ihm Raum gibt, wird darüber staunen, wie direkt und konkret Gott an unserem Leben teilnimmt und interessiert ist.
So stelle ich mir unser Gemeindesein vor: alles Menschen, die hellhörig sind für das vielfarbige Reden Gottes, die dabei sind, Gottes Gedanken auf die Spur zu kommen. Alles Menschen, die dabei erfahren: Gott gibt Antwort. Und Menschen, die darüber ins Jubeln geraten, dass Gott mit ihnen redet. So eine Gemeinde – und ich sehe unsere Gemeinde vor uns – geratet in Bewegung. Da geschieht Erneuerung. So wird es Pfingsten. Danke, himmlische Vater!
Amen.
Stefan Zürcher, Pfr. - . Juni / 16. Juli 2006
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